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Baldachin privat - öffentlich
Zum „Ort“ wird ein einfaches Wohnhaus durch die temporäre Installation eines roten Baldachins von Sylvie Boisseau: Der Transfer einer Nobeleingangsüberdachung, eines „Canopy“, als Nachbau der ähnlichen Schutzzonen, die in der New Yorker Gegend um den Central Park bekannt sind, wurde für ein normales, 60er Jahre Bürgerhaus in Weimar konstruiert, wo diese hierachisierenden Unterstände ungewöhnlich sind: wohl weil zu DDR-Zeiten niemand „öffentlich“ oder „privat“ zu sein hatte, schon gar nicht beim Eintritt in einen Hauseingang, ob Hotel oder Apartment. Eine Vorstellung, die weitgehend ausgeschlossen ist in der sozialistischen Weltordnung. Nun kommt New York nach Weimar. Der Baldachin selbst wird ephemerer Raum zwischen Innen und Außen. Gleichzeitig wird das unscheinbare und unbedeutende Gebäude zum Ort – der Aufmerksamkeit.
Der Transit dorthin, über den zentralen Eingang „privat“, hebt den Besucher auf eine andre Ebene: Der Einsame, der nach Hause kommt, wird ein Privater, der Flaneur, straßenabwärts, ist ein öffentlicher Mensch, je nachdem, auf welche Weise er den Baldachin durchschreitet, und per definitionem. In diesem Moment des Begreifens beginnt die Reflexion über die eigene Position im öffentlichen Kontext, das Leben als Bürger oder als Privatmensch wird thematisiert durch die Umdeutung des Nicht-Ortes in einen Ort.
Katharina Hohmann

