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Flagman
     

Flagman

Chicago, Sommer 2004: ein Mann mit einer roten Fahne steht am Rande einer asphaltierten Strasse – auf den ersten Blick scheint er der Formel Eins anzugehören. Erst wenn man genauer hinschaut bemerkt man, dass sich der Mann vor einem Parkplatzgelände aufgestellt hat. Es sieht so aus, als ob er mit der Fahne den Verkehr regelt: Er schaut nach rechts, nach links, wieder nach rechts, hebt die Fahne und lässt sie mit einer raschen und entschiedenen Bewegung wieder fallen. Er macht eine seitliche Geste, als ob er jemandem die Vorfahrt gewähren würde. Er gibt ein Stoppzeichen, sobald er bemerkt, dass eines der vorbeifahrenden Autos bremst. Der begrüsst das Beschleunigen eines anderen Wagens und bestätigt das korrekte Verhalten des Fahrers mit drei schnellen Bewegungen der Fahne.

Es gehört nicht viel dazu, zu begreifen, dass der junge Mann nicht den Verkehr regelt, sondern dass er selbst es ist, der von den ihn umgebenden Wagen manipuliert wird. Er scheint ihre Manöver zu bestimmen, aber in Realität kommentiert er sie nur. Eine für das Geschehen bedeutungslose Randfigur, ein Kommentator ohne Zuhörer.

Das Paar Boisseau und Westermeyer arbeitet seit 1996 zusammen und hat den Protagonisten F, der in fast allen ihren Videos auftaucht erfunden. Wie viele andere zeitgenössische Künstler sind es immer wieder Sylvie Boisseau und Frank Westermeyer selbst, die die wichtigsten Rollen in ihren Filmen selbst übernehmen. Während Bjoern Melhus, Luigi Ontani oder Cindy Sherman sich verkleiden und immer wieder neue Rollen erfinden, so dass sie zum Teil fast nicht wieder zu erkennen sind, bleibt sich der von Frank Westermeyer dargestellte F. immer gleich und kleidet sich wie ein beliebiger junger Mann von heute. Aber F. ist nicht nur ein Mann frei von Überraschungen, ein Durchschnittsmensch: er ist ein Mensch ohne jegliche Charakteristiken, wie eine Lücke, eine Leerstelle, eine Nicht-Person, ein Mann ohne Eigenschaften. Du beobachtest ihn und stellst fest, wie sehr die Bedeutung des Individuums in der heutigen Gesellschaft überschätzt wird... Du begreifst, wie sehr wir von den Bedingungen unter denen wir leben beeinflusst sind, wieviel Autosuggestion es bedarf, um zu glauben, dass einer irgendetwas selbst entscheiden kann.

Julia Draganovic, Kuratorin lebt und arbeitet in New York & Neapel